
Crinelli schnippte die Kippe auf den Gehweg, schulterte sein
Rad und rutschte mehr, als er ging, die steile Böschung hinab.
Unten angekommen, legte er das Rad in die Wiese und steuerte
Bohlen an, sorgsam darauf bedacht, die Arbeit der Kollegen
nicht zu behindern. Die Männer der Spurensicherung waren
dabei, alles einzusammeln, was für den Fall eventuell von Be
deutung sein konnte. Und bei einem Tatort wie diesem war das
nicht eben wenig. Jedes Papierchen, jeder Zigarettenstummel,
leere Glasbehälter, abgerissene Knöpfe, Einwegspritzen, Dra
chenschnur, alles landete in großen Plastiksäcken. Natürlich
würden sie den ganzen Krempel nicht tatsächlich auswerten
können – ein solches Vorhaben würde das Labor auf Monate
blockieren – und trotzdem musste das Material zunächst sichergestellt werden. Am Ende würden 99,9 Prozent von dem
hier zurück in den Müll wandern.
»Morgen, Chef«, rief Bohlen, sobald er erkannt hatte, wer da
über die Wiese auf ihn zukam. Die Erleichterung über Crinellis Erscheinen stand ihm deutlich ins Gesicht geschrieben, die
Röte auf seinen Wangen stammte nicht allein von der Kälte.
»Gut, dass du doch noch gekommen bist. Das hier ist ’ne ganz
schön fiese Sache.«
»Guten Morgen, Edgar. Du hast ja mächtig schweres Geschütz aufgefahren. Sind die Fotografen schon durch?«
»Ja, alles aufgenommen und gefilmt. Die Kollegen von der
Wache haben den Tatort gesichert, und die Leiche wurde nicht
angerührt, bis der Doktor eingetroffen ist.« Bohlen hörte sich
an, als zitiere er das Polizeihandbuch.
»Vorschriftsmäßig«, sagte Crinelli und legte dem jüngeren
Beamten beruhigend die Hand auf die Schulter. »Wer ist der
Kerl?«
»Wissen wir noch nicht. Ich habe die Spurensicherung an
gewiesen, großräumig alles abzusuchen. Wir brauchen Fuß
abdrücke, Geschosshülsen, Gewebe … alles eben. Ist aber nicht
ganz einfach …«
Crinelli verstärkte den Druck auf Bohlens Schulter. »Sehr
gut gemacht, Eddy. Prima Job. Ganz ruhig bleiben und bloß
nichts überstürzen, okay? Habt ihr bei dem Toten irgendwel
che Papiere gefunden?«
Bohlen schüttelte den Kopf. »Weder Papiere noch Porte
monnaie, nicht mal Schlüssel.«
»Ausgeräumt?«
»Ziemlich sicher, ja. Es sei denn, er hatte irgendwo einen per
sönlichen Sekretär, aber danach sieht er eigentlich nicht aus.«
»Wonach sieht er denn aus?«
»Normal, finde ich. Nichts Besonderes an ihm. Er ist an-
ständig angezogen, trägt gute Schuhe, soweit ich das beurteilen
kann. Es ist aber nichts Außergewöhnliches an ihm.«
»Uhr?«
Bohlen schob den Ärmel seines Mantels hoch. »Zehn
durch.«
»Ob er eine Armbanduhr trägt?«
»Entschuldige, keine Ahnung, ich hab noch nicht nachgese
hen«, sagte er kopfschüttelnd und fügte entschuldigend hinzu:
»Also, hier ist echt ’ne Menge los …«
»Schon gut, Eddy, alles kein Problem. Kannst du was über
seine Nationalität sagen?«
»Eher weniger«, sagte Bohlen und fügte erklärend hinzu:
»Kopfschuss. Weißer … irgendwie … na ja … mehr vorläufig
noch nicht.«
»Wir sind nicht in New York, mein Freund.« Crinelli lachte.
»Das ist ja, alles in allem, noch nicht allzu viel. Was sagt Wey
mann?«
»Frag ihn doch selbst«, antwortete Bohlen in einem Ton ir
gendwo zwischen Frustration und Verärgerung. Bohlen nahm
alles wahnsinnig persönlich, Crinelli wusste das, und überdies
war er krankhaft ehrgeizig. Schlechte Mischung, aber das wür
de sich mit der Zeit noch geben.
»Gute Arbeit, Eddy, bleib gelassen, nimm dir ein Beispiel an
mir.«
In Bohlens Augen erschien ein dickes Fragezeichen. Herr
Crinelli und Frau Gelassenheit waren Antipoden.
Crinelli schob sich unter das Zeltdach. Bohlen hatte nicht
übertrieben, der Tote sah selbst für eine Leiche nicht gut aus.
Der Mann war etwa 1,75 groß und lag lang hingestreckt auf
dem Rücken, als hätte ihn ein Baseballschläger in vollem Lauf
erwischt. Der Täter hatte ihm direkt ins Gesicht geschossen,
was eine Identifizierung in der Tat erschweren würde. Aber
noch viel schlimmer war der Treffer, der ihm die Brust auf
gerissen hatte. Nur ein echtes Höllenkaliber riss ein solches
Loch. Das gleiche Geschoss ins Gesicht, und es hätte ihm vermutlich den gesamten Kopf weggehauen. Zwei verschiedene
Waffen – bedeutete das auch zwei verschiedene Täter?
»Morgen, Doktor. Wie lange liegt der schon hier?«
»Morgen, Crinelli. Ich dachte schon, Sie hätten mich übersehen.« Weymann sah zu dem Kommissar hoch und lächelte einen Moment später. »Sie sind guter Laune, oder irre ich
mich?«
»Aha, ein Spürhund«, rief Crinelli laut und lachte kehlig.
»Haben Sie mal daran gedacht, sich bei der Polizei zu bewer
ben? Sie verfügen nämlich über einen regelrechten Röntgen
blick, wissen Sie das? … Jawohl, gut gelaunt, sehr gut sogar,
könnte kaum besser sein.«
Weymann nickte wissend. »Sehr gut, Jerry, sehr gut.« Er
wandte sich wieder seiner Arbeit zu. Man brauchte kein übermäßiges psychologisches Talent, um an Crinellis Verhalten in
den letzten Wochen deutliche Veränderungen festzustellen.
Auf dem Präsidium wurde bereits über seine auffallend gute
Laune getuschelt.
»Na, was nun?« Crinelli zog mahnend die Augenbrauen
hoch.
»Drei Uhr in der Nacht plus zwei Stunden – maximal«, antwortete Weymann ergeben.
»Sonst noch was?«
»Hm. Ich weiß ja, dass es Ihnen nicht gegeben ist zu warten …«
»Ich bin die Ruhe selbst, sehen Sie mich doch an.« Crinelli
hielt die Arme im rechten Winkel vom Körper gestreckt und
sah aus wie Jesus ohne Kreuz. »Aber wenn Sie bereits etwas
wissen sollten, können Sie es getrost bei mir platzieren, in mei
nem Kopf ist es gut aufgehoben und es kommt auch bestimmt
nicht weg.«
»Zwei Waffen. Das große Kaliber dürfte ihn gestoppt
haben. Es ist wahrscheinlich von dort hinten abgeschossen
worden.« Weymann deutete in Richtung Damm. »Hundert
Meter, vielleicht auch etwas näher. Ich vermute, er war sofort
tot. Das Geschoss hat ihn voll erwischt und ist hinten wieder
ausgetreten. Sehen Sie hier.« Weymann drehte die Leiche auf
die Seite.
»Das Austrittsloch ist verdammt groß«, rief Crinelli überrascht.
»Ja, noch größer als üblich. Das Projektil ist auf das Brust
bein getroffen und dadurch ins Trudeln geraten. Näheres nach
der Obduktion.«
»Und warum dann der zweite Schuss?«
»Keine Ahnung, Herr Kommissar. Sie müssen ja auch noch
was zu tun haben.«
»Bohlen macht das hier.« Crinelli sah zu ihm rüber. Der
junge Kommissar nickte, machte dabei aber keinen sehr zuversichtlichen Eindruck.
»Ach ja? Ist das nicht ein bisschen viel Gelassenheit, so aus
dem Nichts heraus?«, wollte Weymann wissen.
»Das hat nichts mit Gelassenheit zu tun. Ich habe im Augen
blick einfach keine Zeit.«
»Na, dann machen wir hier mal schnell weiter. Also, der
zweite war ein aufgesetzter Schuss. Genau zwischen die Au
gen. Sehen Sie hier: Rund um das Einschussloch zeigen sich
lauter Verbrennungen – ein typisches Zeichen. Allerdings ein
wesentlich kleineres Kaliber, sonst hätte es das Schädelskelett
auseinandergerissen oder den Kopf sogar ganz abgetrennt.«
»Sie sagten, dass er bereits nach dem ersten Schuss tot
war?«
»Ja. Der Brustschuss hat einen Teil vom Herzen weggerissen.
Und selbst wenn das nicht genug gewesen wäre, ein Treffer mit
einem solchen Kaliber ist einfach tödlich.«
»Es könnten zwei Täter gewesen sein«, überlegte Crinelli
laut.
»Möglich. Dazu kann ich nichts sagen. Fragen Sie die Spurensicherung. Aber auf dem Gelände gibt es eine Million Fuß
abdrücke, das wird Ihnen ihre Arbeit nicht eben erleichtern.«
Die Pollerwiesen waren eine der beliebtesten Grünflächen
der Stadt. Im Sommer ließ sich hier so ziemlich jede Freizeit
aktivität beobachten, inklusive Nacktbaden. Im Winter be
schränkten sich die meisten auf Spaziergänge.
»Die Wiese ist gefroren«, schaltete sich Bohlen ein. Die bei
den anderen sahen ihn an. Ihre Blicke forderten ihn auf fort
zufahren. »Die meisten dieser vielen Fußabdrücke, von denen
der Doktor spricht, liegen gewissermaßen unter Eis, dünnem
Eis zwar, aber immerhin. Es hat ja erst gestern angefangen zu
frieren. Dadurch hat sich eine frische Schicht gebildet, jung
fräuliches Terrain gewissermaßen. Unter den Füßen des Opfers
und natürlich denen des oder der Täter ist das Eis gebrochen.
Frische Fußspuren also.«
»Hervorragend, Edgar. Das könnte uns weiterbringen. Vertrauen wir also auf die Spusi. Und mal abwarten, was sie sonst
noch findet. Was ist da drüben los?« Crinelli deutete auf einen
Mann, der mit einem Handstaubsauger einen großen Findling
absaugte.
»Gewebeproben«, antwortete Weymann. »Könnten von
der Hose des Toten stammen. Um nichts zu verlieren, saugen
sie den Stein ab. Sie untersuchen den ganzen Kram später im
Labor.«
»Interessant. Das würde ja bedeuten, dass unser Toter dort
gesessen hat, eine Weile zumindest. Aber warum setzt man sich
mitten in einer kalten Nacht auf einen feuchten Stein, noch
dazu an einem so unbelebten Ort?«
»Angeln?« Weymann zuckte die Achseln.
»Ich nehme Sie gerne mal mit zum Fischen, Doktor, dann
sehen Sie mal, wie man sich dazu angemessen kleidet.«
»Nee, nee, lassen Sie mal. Feuchte Freizeitbeschäftigungen
sind nicht mein Ding. Aber mal im Ernst: Woher sollen wir
wissen, was der Mann hier wollte? Über etwas nachdenken,
vielleicht. Er war besorgt, oder er hatte Probleme im Job. Krach
mit der Ehefrau? Es kann doch viele Gründe für einen nächt
lichen Spaziergang geben.«
»Und dann sieht er einen Mann auf sich zukommen, steht
auf und geht ihm entgegen. Wie viele Meter sind das? Zehn,
fünfzehn vielleicht? Der Neuankömmling bekommt es mit der
Angst zu tun und erschießt unseren Freund hier sicherheitshalber mit einer schweren Waffe. Nein, nein, Leute. Der Tote
hat auf ihn gewartet.«
»Auf seinen Mörder?«, fragte Bohlen.
»Das wusste er in dem Moment natürlich nicht. Er erwartete
einen Mann oder zwei Männer, das werden wir herausfinden.
Er erkennt den Ankömmling, steht auf, geht auf ihn zu und
wird niedergestreckt. Damit hat er ganz sicher nicht gerechnet.
Dann kommt der Täter näher und versetzt ihm noch eine, zur
Sicherheit.«
»Oder der zweite Mann tut das.«
»Ja. Obwoh ... nein … das ist doch Quatsch.« Crinelli sah
kurz zu Boden. »Nein, keine zwei Leute, einer allein, ihr werdet
sehen.«
»Also ein Täter. Und warum wechselt er für Schuss Nummer zwei die Waffe? Die erste wäre definitiv sicherer gewesen«,
fragte Bohlen.
»Das weiß ich noch nicht. Vielleicht ist es eine Art Markenzeichen.«
»Hoho, Jerry, ein ganz wichtiger Killer, einer mit einem eigenen Markenzeichen«, sagte Weymann.
»Warum nicht? Soll es alles geben. Egal, das alles werden wir
herausfinden. Das heißt, du, Edgar, du findest es heraus.«
»Keine Sorge, Bohlen«, sagte Weymann aufmunternd, »das
schaffen Sie mit links. Der Chef hat den Fall ja fast schon gelöst.«
Crinelli lachte. »Fast, Edgar, fast. Es fehlen nur noch ein paar
unwichtige Details. Pass auf«, er zog den Beamten von Weymann weg, damit der seiner Arbeit wieder nachgehen konnte,
»das hier ist kein gewöhnlicher Mord. Dafür gibt es schon auf
den ersten Blick zu viele Ungereimtheiten.«
»Ungereimt … Was meinst du denn jetzt damit? Kannst du
mir das vielleicht mal erklären?«
»Mach ich gerne. Also, warum hockt ein Mann nachts am
Wasser, mitten im Winter, und warum trägt er dabei lediglich
einen dünnen Sommeranzug und einen Trenchcoat? Einen
ungefütterten wohlgemerkt.«
Bohlen versuchte, unbemerkt einen schnellen Blick auf die
Leiche zu werfen. So weit war er noch gar nicht gekommen.
Auch das mit der Armbanduhr eben.
»Hör mir zu, Eddy«, sagte Crinelli, der Bohlens nachlassende
Konzentration zu bemerken schien. »Hat ihn das Wetter etwa
überrascht? Kennt er keinen Winter, oder hatte er nur vor, hier
ganz kurz auszusteigen? Aussteigen – das ist die nächste Frage.
Wie ist der Kerl überhaupt hierhergekommen? Soviel ich weiß,
fährt hier kein Bus. Und zu Fuß ist es ein ganzes Stück vom
nächstgelegenen Hotel und von der Innenstadt sowieso. Das
musst du überprüfen. Der Tote hat keine Papiere bei sich und
sein Gesicht ist zerschossen, aber wir müssen trotzdem heraus
finden, wer er ist. Lass sein Gesicht rekonstruieren, wir brauchen auf dem schnellsten Weg ein Phantombild. Dafür dürfte
noch genug Substanz vorhanden sein. Und dann natürlich Fin
gerabdrücke und Zähne, aber das wird der Doc schon von sich
aus erledigen. Übrigens, die fette Uhr an seinem Handgelenk
ist mit Sicherheit keine Hongkong-Rolex und die Diamanten
auf dem Zifferblatt sind bestimmt nicht aus Glas. Und dass er
sie überhaupt noch am Handgelenk trägt, beweist wohl auch,
dass es sich hierbei keinesfalls um einen Raubmord handelt.«
Crinelli sah zu Bohlen auf. Dessen Pupillen zuckten hektisch
hin und her. Die Verantwortung im Feld schien ihm mehr zuzusetzen, als Crinelli erwartet hatte. Seltsam, dachte er, für
Rechercheaufgaben war Bohlen ja echt zu gebrauchen. In Sitzungen blieb er cool und argumentierte immer sachlich. Aber
das hier war wohl doch noch eine Nummer zu groß für den
Jungen. Hätte Crinelli sich etwa stärker zurücknehmen, Bohlen mehr Zeit lassen müssen, selbst etwas herauszufinden? Für
derartige Fragen war es jetzt allerdings etwas spät.
»Verdammt noch mal, Eddy, das hier ist ein sehr interessanter Fall, ich würde mich gerne selbst darum kümmern, aber
ich muss ja leider schon der Drogenfahndung unter die Arme
greifen. Halt mich bitte auf dem Laufenden, ja? Und geh’s ruhig an, okay? Wie besprochen. Lass die Jungs hier ihre Arbeit
machen, dann sammle alle Ergebnisse zusammen und komm
damit zu mir, hast du verstanden? Ich fahre währenddessen
aufs Präsidium und kümmere mich um die Haftbefehle für
meine Russen.«
»Böker ist schon ganz nervös deswegen.« Es schien, als sei
Bohlen froh, seinen eigenen Fall, wenn auch nur für einen Moment, verlassen zu können.
»Nervös? Schiss hat der. Aber das kann uns gerade egal sein.
Also, konzentrier dich ganz auf deinen Fall hier.«
Crinelli wandte sich zum Gehen. Mitten in der Bewegung
hielt er inne und drehte sich nochmals zu Bohlen um.
»Ach, Eddy, eins noch. Wir sollten überprüfen, ob es kürz
lich irgendwo vergleichbare Fälle gegeben hat. Mit zwei Waffen,
großes Kaliber, kleines Kaliber, du weißt schon. Könnte doch
’ne Masche sein. Das war nur ein Täter, du wirst sehen, aber
einer mit ’ner Masche.« Crinelli nickte wie zur Bestätigung
seiner eigenen Worte und setzte dann seinen Weg fort. »Ist bestimmt ’ne Masche«, brummte er vor sich hin.
Teil 3 der Crinelli-Reihe